Freitag, 24. Mai 2024

Obwohl!

Auch Natasza schreibt über die Armut. Auch Natasza wundert sich ua darüber, dass die ärmsten Töchter der allerärmsten Bergbewohner glitzernden Klunker am Hals oder am Handgelenk tragen, Plastikperlen im Ohr, eine Feder oder Blume im Haar. Was ist dagegen einzuwenden, wenn auch sie ("Nawet najbiedniejsi z biednych ..."), die absolut Besitzlosen, auf ihr Äußeres - oder auf Oberflächlichkeit? - achten - obwohl uns das vielleicht seltsam erscheint ("... , choć wydać się to może dziwne, przywiązują wagę do powierzchowności?")

Cytuję z książki p.t. Tam autorstwa Nataszy Goerke, wydanej przez wyd. Czarne w Wołowcu w roku 2017, str 141.

Donnerstag, 23. Mai 2024

Schmutz

Ich lese in total veralteten Büchern. Versuche mir ein Bild zu machen von der Gegend der Welt, auf die ich mich unweigerlich zubewege. Verzweifle an der Überheblichkeit Adliger und nicht Adliger Mitglieder diverser Westlicher Wissenschaften. Ein berühmter Schwede beschrieb am 28. Juli 1906 in seinem Tagebuch die Ankunft im Kloster Lamayuru so: "Wie müssen sich die Mönche hier in ihrem freiwilligen Gefängnis langweilen! Offenbar ist es ihre einzige Zerstreuung, der Neugier durchreisender Fremdlinge ihren religiösen Fanatismus vorzuführen." Andere untertiteln ihre Fotos mit Gegensatzpaaren wie: "Ein Bauer in Lumpen, aber er lächelt". Dass einfache Leute alles am Leib tragen, was sie besitzen, kann ihnen nicht verübelt werden. Dass sie dabei an Werktagen die sogenannten "Lumpen" über die besseren Kleidungsstücke ziehen - an Feiertagen aber die Reihenfolge sorgsam ändern, zeugt von viel nachhaltigem Sachverstand. Und dass sie, obwohl sie sich angeblich so gut wie nie waschen, doch "oft sehr alt" (sic!) werden, wie damals staunend festgestellt wurde - was sagt uns das Heutigen? 

An Vesakh! Dem Maivollmondtag. Dem höchsten Fest der Buddhisten, Nirwana und Parinirwana von Siddharta Gautama.

Samstag, 18. Mai 2024

Alphabet

Ich verschenke alle kyrillisch geschriebenen Bücher. Pünktlich zu Pfingsten. Und behalte ein anderes, von dem ich kein Wort, keinen Buchstaben entziffern kann. Haikus von Takeno Aoki. In Leinen gebunden, feines japanisches Papier, nicht schneeweiß, sondern ein mildes, warmes Weiß, wie von Tanizaki Jun'ichiro beschrieben. 247 Seiten von hinten nach vorne nummeriert. Das Buch wiegt schwer und unverständlich in der Hand. Trotzdem sortiere ich es aus, lege es zu dem Stapel der Unverzichtbaren. Es ist ein Geschenk der Autorin, überreicht vor fast zwanzig Jahren, zum Schutz vor fettigen Fingerabdrücken in Seidenpapier eingeschlagen, das ich nun endgültig entferne.

Montag, 13. Mai 2024

Blasen

Mit der neuen Woche beschließe ich, mehr zu gehen. Meiner Zukunft im Himalaya entgegen zu gehen. Meine Wanderschuhe wieder einzulaufen. Ich laufe als Erstes um die Mittagszeit los, laufe eineinhalb Stunden durch die Feldmark. Gerate immer wieder in Sackgassen. Sehe in der Ferne Güllewagen. Weiche einem Traktor aus, der ein monströses Teil hinter sich her zieht. Ende an Viehgattern oder Wasserläufen. An staunenden braunen Rinderaugen. Sehe keinen Menschen. Gehe den ganzen Weg wieder zurück, weil ich nicht den Mut habe, über Zäune zu klettern. Und laufe mir prompt Blasen an beiden Fersen ein.

Mittwoch, 8. Mai 2024

Fragen

Ich hole die Lilienthaluhr beim Juvelier ab und frage, ob er mir meinen Ehering weiten kann. Ich kriege ihn nicht mehr über den rechten Ringfinger und über den linken nur mit größter Mühe. Ich trug ihn immer an der rechten Hand, solange ich ihn trug. Alles hat seine Zeit. 

Fragen werde ich nur noch stellen, nicht mehr beantworten.

Sonntag, 5. Mai 2024

Keller

Ich verschenke die Gottfried Keller Gesamtausgabe, die meine Mutter zur bestandenen Lehrabschlussprüfung im November 1944 in Anerkennung "sehr guter Leistungen" erhalten hatte. Sowie zwei Bände Gedichte mit handschriftlichen Widmungen mir unbekannter Personen. Muss ich wohl einst antiquarisch erstanden haben.

Samstag, 4. Mai 2024

Orange

Ich verschenke das Schuhsohlenbild von Margarita. Sie malte damals verschiedene Umschlagentwürfe für "Die Fölmlis". Die Verlegerin entschied sich für eine ganz konkrete Sohle. Für eine ganz konkrete Sprache. Bildsprache. Die anderen wurden bei der Vernissage mit den Büchern verkauft. Mir gefiel die abstrakte, warme, orangefarbene Sohle und ich hatte sie all die Jahre gerne an meiner Wand hängen.